Die Erinnerungen an Diana S., Schülerin der 10 R, sind noch „wach“. Nach vier Jahren in Gladenbach reiste die Familie am 5. Dezember 2020 nach Gudermes in Tschetschenien zurück.
Ihre Erfahrungen hat Diana aufgeschrieben und sie vor ein paar Tagen per Mail gesandt. Sie lässt ihre Klasse und ihre ehemaligen LehrerInnen herzlich grüßen.

Bis 2016 lebten meine Familie und ich in Gudermes, einer Stadt von etwa 55 000 Einwohnern, nahe Grosny in Tschetschenien. Damals besuchte ich die 9. Klasse und hatte den Wunsch, die Abschlussprüfung nach der 11. zu schaffen und dann auf die Universität zu gehen. In der 9. Klasse fingen wir mit Präsentationen an und ich merkte, dass ich gut klarkam. Probleme sah ich keine und war mir sicher, die Schule zu schaffen. 
Die Pläne zerschlugen sich und wir mussten aus einem bestimmten Grund nach Deutschland ausreisen. 
Ich konnte nichts machen, war traurig und depressiv.
Als ich nach Deutschland kam, war für mich alles fremd, die Nationalität, die Atmosphäre, das Essen, die Tradition, die Sprache und die Menschen, zu denen ich zunächst keinen Kontakt aufbauen konnte. 
Meine Freunde, die ich in Tschetschenien hatte, verlor ich. Es war damals schwer, das zu erleben. 
Ich machte mir Gedanken, wie ich ein neues Leben beginnen könnte und fing mit dem Deutschkurs an. Die ersten Eindrücke und Erfahrungen waren eine Enttäuschung. Ich lernte die Sprache intensiv und versuchtе, die Angst zu unterdrücken und oft mit jemandem auf Deutsch zu reden. Die Freundlichkeit und nette Art meiner Lehrerin, die Freundschaften in der Klasse, schöne Gefühle und der Wunsch, diese Sprache zu lernen, halfen mir. So fing es an, dass ich neue Freunde kennenlernte. Die Zeit lief davon und ich bekam mehr Chancen, gut klarzukommen. In der Intensivklasse wurde ich zur Klassensprecherin gewählt. Das war für mich das schönste Gefühl.
Als ich die Kurse beendete, kam schon was anderes. Ich musste wieder meine Freunde aus dem Deutschkurs verlassen und in die Regelklasse gehen, aber wir gingen alle in verschiedene Klassen. 
Dann begann der nächste Schritt! 
Ich machte mir Sorgen, wie die deutschen Schüler mich annehmen würden, wie ich zu ihnen Kontakt aufbauen würde und wie sie einer Ausländerin gegenübertreten. So viele Fragen quälten mich. Aber dann wusste ich, dass die Gedanken unnötig waren. Die deutschen Schüler stellten sich zu mir, wir lernten uns kennen und es freute mich sehr, dass ich mit den anderen Bekanntschaft machen konnte.
Zu dieser Zeit musste ich noch Englisch verbessern und bekam dazu Hilfe von verschiedenen Organisationen, von der Schule und der Flüchtlingshilfe, die immer da waren, wenn man Hilfe brauchte. Auch bekamen wir eine Sozialarbeiterin, die uns sehr hilfreich war. Jeder Lehrer und jede Lehrerin halfen mir immer und zu jeder Zeit. 
Auch die Europaschule Gladenbach ohne Rassismus, die jeden Menschen, jede Religion und Tradition respektiert, unterstützte mich. Es spielt eine große Rolle, weil die Menschen sich gegenseitig achten und es gab keine dummen Sprüche darüber, ob ein Mensch schwarz oder weiß ist. In der Schule wusste jeder, dass alle Menschen gleich sind. Sie verhielten sich danach. “Wir sind gleich!”, “Wenn einer es kann, kann es auch der andere”. Die Nationalität oder Religion spielten keine Rolle. Natürlich gab es auch einige, zum Glück wenige, die sich schlecht verhielten. Sie waren einzeln.
Aufgrund der Tatsache, dass ich wenig über Deutschland wusste, fing ich an, mich für viele Themen zu interessieren und mich zu informieren, vor allem für das Fach POWI. 
Ich kannte bald viele Informationen über Gesetze, politische Ereignisse und Artikel im Grundgesetz. Dann nahm ich mir vor, dieses Interesse später beruflich zu nutzen. Für die Abschlusspräsentation in POWI plante ich, mein Land vorzustellen.
Über mich:
Zunächst sah ich wie ein typisches tschetschenisches Mädchen aus und machte mir Gedanken, mich ein bisschen zu verändern, weil ich mich so sehr von den anderen unterschied. Dann modifizierte ich meinen Stil, zog Aktuelles an und färbte meine Haare. Ich war glücklich und war nicht so anders. Das gefiel mir. Ich fühlte Freiheit und das war das Wichtigste in meinem Leben. Ich war mir sicher, dass ich in Deutschland von niemandem gezwungen werde und sicherlich ein freies Leben habe. 
Ich hatte viele Kontakte zu verschiedenen Menschen. Mich interessierten andere Sprachen, Kulturen und natürlich das nationale Essen. Meine Wünsche und Interessen wurden geweckt. 
So lebte ich bis März 2020, solange, bis ich von meiner Familie eine Nachricht bekam.
Mir wurde gesagt, dass wir im Dezember nach Tschetschenien zurückkehren. Es war zufällig der 5. Dezember. Genau an diesem Tag vier Jahre vorher waren wir in Deutschland angekommen.
Da wusste ich nicht, ob ich traurig oder doch glücklich sein sollte. Was ich verstand, war, dass ich trauriges Glück hatte. 
Wie? Was? Warum denn? Hier konnte ich doch eine eigene Karriere aufklappen, die Realschule abschließen. Ich gab mir doch Mühe, die Sprachen zu lernen, zu neuen Menschen Kontakt aufzubauen. Ich wurde wieder traurig, aber andererseits freute ich mich, weil ich auch Heimweh gehabt hatte.
Der Begriff “Heimat” ist für mich sehr umfassend und bezieht sich auf Mehreres. Jedenfalls ist Heimat viel mehr als Familie, Familienhaus, Heimatort, Heimatstadt bzw. Heimatland. Die materiellen Dinge sind nur ein Teil des Begriffes “Heimat”. Deshalb heißt meine Geschichte “Trauriges Glück”. 
Da ist dieser Moment, in dem man nicht weiß, ob man glücklich oder traurig ist. 
Jetzt bin ich in Tschetschenien und habe wieder ein neues Leben begonnen. Ich habe viele Erinnerungen an Deutschland, Tipps fürs Leben und Kontakte mit guten Menschen. Froh bin ich, dass ich die Zeit in Deutschland verbracht habe. Ich habe viel gelernt, versucht und meine Wünsche erfüllt, neue Sprachen gelernt und etwas den Sinn des Lebens verstanden. Mitbekommen habe ich, dass mein Selbstwertgefühl nur von mir bestimmt wird. Ich brauche niemanden, der das für mich erledigt, und ich muss mich nicht auf jemanden verlassen, um zu entscheiden, wer “Ich” bin. Das sind meine Flügel und ich soll und will mit ihnen fliegen.

Am Ende bedanke ich mich bei den Menschen, die immer für mich da waren und mir geholfen haben, wenn ich Hilfe und Unterstützung brauchte. 
Ein großes Dankeschön an die Lehrerin, die mir Deutsch beigebracht hat. Mit ihrer Hilfe sind meine Deutschkenntnisse besser geworden und sollen bestehen bleiben. Das hoffe ich.
Ich werde an euch denken und mich erinnern!

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