Vor vierzehn Jahren betrat ich zum ersten Mal das Schulgebäude in Gladenbach. Mein erster Blick fiel auf die riesige Landkarte an der Wand zur Schülerbücherei – überall dort hat meine zukünftige Schule Partnerschaften! Doch was macht eine Europaschule in Afrika, in Kisomachi?
Während meiner Arbeit an der Schule habe ich dann selbst am Sponsorlauf teilgenommen, mit Klassen das Tanzania –Cafe unterstützt und dabei gemerkt, wie wichtig die gelebte Solidarität für die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler sein kann – gegen eine zunehmende Individualisierung, gegen Egoismus und wachsenden Nationalismus.
Und nun, am Ende meiner Berufstätigkeit, konnte ich in Tanzania selbst erleben, was diese Partnerschaft für die Menschen dort bedeutet.

Eigentlich wollte ich ja nur auf den Kilimanjaro.
Zufällig stieß ich auf einen Artikel in der „OP“: Dort wurden Probanden gesucht, die mit einem Ärzteteam des Universitätsklinikums Marburg den Kilimanjaro besteigen sollten, um die Vorgänge der Höhenanpassung zu untersuchen, um die Entwicklung der Höhenkrankheit besser zu verstehen und ihre Diagnostik zu verbessern – und ich hatte Zeit dafür, war frisch pensioniert!
image1Im Nordosten Tanzanias, an der Grenze zu Kenia gelegen, ragt das Massiv des Kilimanjaro hoch über die umgebende Ebene, gekrönt von zwei Gipfeln, dem Kibo und dem etwas niedrigeren Mawenzi. Die Spitze des schneebedeckten Kibo bildet der Uhuru-Peak mit 5895m Höhe. Das ist unser Ziel!
Klettern muss man dafür nicht können, es ist eher eine anstrengende mehrtägige Bergwanderung. Das macht die Besteigung des höchsten Berges in Afrika für Reisende aus aller Welt so attraktiv.
Allerdings sind in dieser Höhe die Folgen abnehmenden Luftdrucks schon deutlich spürbar: Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Übelkeit und Erbrechen sind erste Symptome der Höhenkrankheit, unter denen viele Touristen beim Aufstieg leiden. Nur ca. 65% der Wanderer erreichen tatsächlich den Gipfel; und wer als Höhenkranker nicht rechtzeitig umkehrt, riskiert sein Leben: jährlich gibt es 35 bis 50 Todesopfer am Berg zu beklagen.
Sie werden Opfer der Höhenkrankheit, der Folgen mangelhafter Anpassung des Körpers an den mit der Höhe abnehmenden Luftdruck. Je höher man steigt, desto weniger lebensnotwendiger Sauerstoff gelangt mit jedem Atemzug über die Lunge ins Blut. Schon bei einem längeren Aufenthalt in 2000 m Höhe können die ersten Symptome auftreten. image2Extreme Formen der Höhenkrankheit betreffen die Lunge (Husten, Atemnot bis hin zum Ersticken) und das Gehirn, dessen Anschwellen zu Bewegungsstörungen, zunehmender Verwirrtheit bis zur Bewusstlosigkeit führen kann. Medikamente helfen dann nicht mehr – ein sofortiger Abtransport aus der Höhe ist überlebensnotwendig.
Weder Jugend noch körperliche Fitness oder Klettererfahrung schützen vor der Erkrankung – wichtig ist vor allem eine gute Anpassung an die atmosphärischen Verhältnisse in der Höhe. Die dabei auftretenden Effekte sind ein Schwerpunkt der medizinischen Untersuchungen während der geplanten Expedition.
Deshalb ist für den Aufstieg viel mehr Zeit eingeplant als sonst üblich und wir werden vorher noch zwei Extratage in einem Hotel an den Hängen des Berges verbringen.
Von dort ist es nicht weit bis zu unserer Partnerschule in Kisomachi. Nun habe ich endlich auch die Chance, die Schule zu besuchen!
image3Doris Häring und Sarah Schiebel stellen den Kontakt her – ich werde im Februar erwartet! Neugierig bin ich und ganz gespannt, ob wirklich alles klappen wird, wo ich doch so viele Geschenke und Briefe mitnehmen werde.
Und dann ist es soweit. Aus dem kühlen, nassen Deutschland fliegen 25 Expeditionsteilnehmer, Ärzte und medizinisches Gerät ins sonnige Afrika, beziehen das erste Quartier in der Nähe des Marangu-Gate inmitten der Waldhänge des Kilimanjaro. Der Gipfel des Berges hat sich, wie meist im Laufe des Vormittages, unter Wolken versteckt. Hier in 1800m Höhe scheint die Sonne und es ist angenehm warm, aber nicht schwül. Hoch aufsteigen, tief schlafen – das ist für die nächsten Tage die Devise. Deshalb wandern wir jetzt jeden Tag – zu Beginn noch in kurzen Hosen und Hemden - einige zusätzliche hundert Höhenmeter aufwärts, um dann wieder in unsere Unterkunft zurückzukehren. Die Berghänge sind sehr fruchtbar, wasserreich (auch noch kurz vor Beginn der Regenzeit im März) und dicht besiedelt. Nachts blinken überall im Wald die Lichter aus den verstreut liegenden Häusern und Hütten der Kleinbauern.

image5Am nächsten Tag sind meine Mitreisenden irritiert, als ich zum Frühstück im Business-Outfit mit schwarzen Schuhen, schwarzer Hose und weißem Hemd erscheine: Heute werde ich Gast an unserer Partnerschule sein! Mit dem Auto werde ich abgeholt, auf dem Gelände der Kisomachi Secondary School bin ich überwältigt vom herzlichen Empfang – ein ganzes Empfangskomitee, angeführt vom Schulleiter, Mr. Massawe, nimmt sich viel Zeit für mich. Sie freuen sich über die Grüße und Geschenke aus Gladenbach, zeigen mir die Schule und die Projekte, die mit Gladenbacher Hilfe entstanden sind. Was ich bisher nur aus den Berichten unserer Afrikafahrer kannte, wird jetzt lebendig: die Bäckerei und der Speisesaal mit den bemalten Wänden, die Wasserversorgung, die Bananenpflanzungen, die Maismühle. image4
Nach der Renovierung des Sanitärgebäudes für die Mädchen und der Errichtung der Solaranlage ist die Unterstützung aus Gladenbach bei der Erweiterung des Speisesaales gefragt – er ist inzwischen längst zu klein für die gewachsene Schülerzahl. Besonders beeindruckt mich die Freundlichkeit, die Aufgeschlossenheit der Schülerinnen und Schüler, der Lehrerinnen und Lehrer. In den Jahren der Partnerschaft sind auch persönlichen Beziehungen gewachsen, die mitgebrachten Briefe werden mit Freudentränen in den Augen gelesen.
image6Beim Besuch in einzelnen Klassen, beim Gespräch im Lehrerzimmer wird mir deutlich, wie wichtig hier für alle eine gute Bildung der jungen Menschen ist, wie schwierig aber auch die Bedingungen des Lernens, des gesamten Lebens in einem der ärmsten Länder der Erde sind. Der Besuch der weiterführenden Schule, die Unterbringung im Internat kosten für hiesige Verhältnisse viel Geld. Umso nötiger ist unsere Hilfe aus dem reichen Deutschland!
Nach einem gemeinsamen Mittagessen erfahre ich während einer Tour durch das Umland noch viel über das Leben der Menschen am Kilimanjaro, ihre Geschichte und ihre Hoffnungen für die Zukunft. Der junge Mann, der eben noch das Auto über abenteuerliche Pisten steuerte, erfreut uns zum Abschluss in der Kirche mit seinem Orgelspiel – auch das hat er hier gelernt. Sie lassen mich nicht gehen ohne das Versprechen, uns in 10 Tagen wiederzutreffen, wenn die Antwortbriefe geschrieben sind und ich hoffentlich wohlbehalten wieder herunter bin vom Berg.

Der Kilimanjaro darf nur auf geführten Routen bestiegen werden. 40 Träger, eine ganze Expedition setzt sich in Bewegung, als die Marburger Gruppe 2 Tage später mit dem Aufstieg beginnt. Noch sind wir leicht bekleidet, im Tagesrucksack viel Wasser und Tee – und wir sind froh, dass wir die riesigen Säcke, gefüllt mit unserer persönlichen Ausrüstung, aber auch den Essensvorräten für die bevorstehenden Tage nicht selbst tragen müssen.
Auf dem Trampelpfad durch den tropischen Wald begegnen uns immer wieder Wanderer auf dem Abstieg – verstohlen mustern wir sie – haben sie erfolgreich den Gipfel erreicht oder sind es nur muntere Tagesausflügler, oder mussten sie entkräftet, höhenkrank umkehren?
image7Von unseren Trägern ist längst nichts mehr zu sehen – sie sind am Berg trotz aller Lasten so viel schneller als wir. Für uns heißt es: „pole-pole“ – „langsam, langsam“: mit zunehmender Höhe folgen auch die Übermütigsten bald dieser Parole unserer Guides.
Übernachtet wird in kleinen Hütten, verpflegt werden wir in großen Essensräumen, wo auch die täglichen Besprechungen und Medizinchecks stattfinden. Die sanitären Verhältnisse sind ordentlich, werden aber mit zunehmender Höhe immer einfacher. image8Auf der letzten Hütte gibt es dann ein Massenlager und kein fließendes Wasser mehr, der „Last Water Point“ liegt weit unter uns.
9 bis 12 km und jeweils ungefähr 1000 Höhenmeter trennen die drei Übernachtungsplätze auf dem Weg zum Gipfel – wir nehmen uns dafür aber 5 Tage Zeit, steigen immer noch weiter auf und wieder ab und haben letzten Endes den Berg eineinhalb Mal bestiegen.
Die Landschaft verändert rasch ihren Charakter: auf den Regenwald folgt eine offene Moor- und Heidelandschaft mit auffälligen Pflanzen wie z.B. den eindrucksvollen Riesensenecien; ab 4000m laufen wir durch eine vegetationsarme alpine Wüstenlandschaft, bedeckt mit Kies und Steinen.
Mit zunehmender Höhe wird es immer kälter, noch kälter im manchmal auflebenden Wind, die Sonne wärmt nur noch im Windschatten. Morgens ist es klar mit herrlichem Blick über die Massai-Steppe der umgebenden Lowlands, tagsüber ziehen oft Wolken von den Hängen herauf, einmal beginnt es sogar leicht zu regnen. Eines Nachts verschlafe ich ein Gewitter, am nächsten Morgen sind Kibo und Mawenzi mit frischem Schnee bedeckt.
Nicht alle werden den Gipfel erreichen – trotz aller Anpassungsversuche fordert die Höhe ihren Tribut – eine Teilnehmerin muss schon auf 3700m Höhe umkehren, einer muss den Gipfelversuch abbrechen, kann aber nach kurzer Behandlung den Abstieg mit uns beenden. Keinem aber ergeht es so wie Bergwanderern aus anderen Gruppen, die nur noch taumeln, sich kaum noch auf den Beinen halten können. Täglich können wir beobachten, wie sie im Schlafsack liegend, auf einem einrädrigen Karren festgebunden, im Laufschritt zu Tal gebracht werden.
image9Nach 7 Tagen am Berg ist es soweit. Die Ärzte geben ihr OK für den letzten Aufstieg. Am Nachmittag hat es noch einmal geschneit, wir haben uns warm angezogen, als es um 23 Uhr losgeht. Ein langer Zug von Glühwürmchen schlängelt sich den Berg Schritt um Schritt aufwärts, jede Stunde eine Pause. Die Trinkblase friert ein, ich teile den Tee mit meinem Guide. Die Stirnlampen beleuchten spärlich den steilen Anstieg über lockeren Kies, später größere Steine. An Gilman‘s Point erster Jubel – hier gilt der Berg schon als bezwungen, aber wir wollen noch nach ganz oben. Wir passieren erste Schneefelder. Endlich, nach 6 Stunden erreichen wir den höchsten Punkt: Freudensprünge in der Dunkelheit, auf dem Rückweg kriecht die Sonne über den Horizont, die grandiose Gipfellandschaft mit ihren Gletschern, Schneefeldern und Lavawüsten wird langsam sichtbar.
Wir beglückwünschen uns, wir danken den Führern, den Trägern, dem Ärzteteam: wir haben es geschafft, wir behalten Eindrücke, die wir nicht mehr vergessen werden!
image10Das gilt ganz besonders für mich: Wie verabredet treffe ich noch einmal meine Gastgeber von der Kisomachi Secondary School, berichte ihnen stolz von meinem Gipfelerfolg. Ihre vielen Grüße und Briefe nehme ich nun mit nach Deutschland zusammen mit der Erkenntnis, wie wichtig und wirksam unsere tätige Solidarität mit den Menschen hier in Afrika ist!