Geschichte 3/4

Tim


Tim ist bei uns in der Klasse. Tim ist nett, aber irgendwie auch anders. Er sitzt bei mir am Gruppentisch. Die meiste Zeit passt er gut auf, was im Unterricht passiert. Manchmal machen wir Quatsch, alle vier. Da ist Tim auf jeden Fall dabei. Wir schwätzen miteinander, bis uns die Lehrerin ermahnt.
Frau Hofmann ist nett und wir sind dann wieder still. In den Pausen, vor allem in den großen Pausen, spielen wir immer Fußball auf dem Schulhof, das heißt auf dem Spielfeld am Rande des Pausenhofs. Auf dem Schulhof wäre es zu gefährlich für die anderen Kinder, sagen die Lehrer. Vielleicht haben sie Recht. Da spielt Tim nie mit. Deshalb meine ich ja, dass er irgendwie anders ist.
Kaum, dass es zur Pause geschellt hat, stürzen wir raus und los geht’s – kicken. Tim eilt schnurstracks in eine andere Ecke des Hofs, dort wo die Tischtennisplatten stehen. Da ist nur für wenige Kinder Platz und die älteren Schüler nehmen diesen ein und verjagen die Kleineren. Tim scheint jedoch dort akzeptiert zu sein. Er spielt mit den größeren Schülern Tischtennis; er spielt nicht mit uns Fußball.
Neulich habe ich ihn darauf angesprochen, warum er nicht mit uns Fußball spielt, aber er hat etwas abfällig geantwortet, Fußball fände er blöd. Das verstehe ich nicht.
Am Ende der Pause, wenn wir wieder in die Klasse zurückkehren, packt Tim sorgfältig seinen Tischtennisschläger in eine Hülle und legt ihn unter seinen Tisch, bis zur nächsten großen Pause.
Einmal habe ich beobachtet, als ich leider das Fußballspiel unterbrechen musste, da ich zur Toilette musste, wie gut Tim Tischtennis spielt. Er hat die älteren Schüler regelrecht abgezogen. Ich glaube, deshalb akzeptieren sie ihn so sehr.
Montags in der sechsten Stunde haben wir bei unserer Klassenlehrerin freie Themenstunde. Wir reden dann in der Klasse über irgendetwas, was ein Schüler oder eine Schülerin vorschlägt. Manchmal darf auch Frau Hofmann ein Thema vorgeben. Fabian schlägt vor, über Lieblingssportler zu sprechen. Alle Schüler und auch Frau Hofmann sollen ihre Lieblingssportler nennen. Das finden wir toll. Unsere Lehrerin regt an, dass wir uns einen Lieblingssportler überlegen, seinen Namen auf einen Zettel schreiben und die Zettel einsammeln. Sie würde die Namen an der Tafel notieren. Gesagt, getan.
Außer Usain Bolt, Lionel Messi und Cristiano Ronaldo werden nur deutsche Sportler genannt, Dirk Nowitzki, Sebastian Vettel, sonst nur Fußballer: Bastian Schweinsteiger, Mario Götze, Mesut Özil, Sami Khedira usw. usw.
Als letztes entfaltet Frau Hofmann einen kleinen, zusammengeknäulten Zettel: Timo Boll. Timo Boll, wer ist denn das?
Da meldet sich Tim und sagt:
„Timo Boll ist der beste deutsche Tischtennisspieler, er ist auf Platz fünf der Weltrangliste, vor ihm sind vier chinesische Spieler; Timo Boll ist sogar schon einmal auf Platz eins gewesen. Ich finde es doof, dass ihr alle nur Fußballer kennt, aber keiner Timo Boll. Der ist ein wirklich großartiger Sportler.“
Bei diesen Worten ist Tim unheimlich erregt; er fährt fort:
„Ich finde auch gemein, dass im Fernsehen nur Fußball gezeigt wird. Dabei gibt es so viele tolle Sportarten.“
Wir sind alle ganz überrascht über Tim und seine Worte. Unsere Klassenlehrerin unterbricht die Stille und meint, dass Tim ganz Recht hat. Man sollte viel mehr Tischtennis oder Volleyball oder Judo oder unbekanntere Sportarten im Fernsehen zeigen und nicht nur die Sportarten mit den Multimillionären, den Fußballern, den Boxern und den Autorennfahrern.