image2image1Die deutsche Schule St. Thomas Morus ist eine katholisch orientierte Schule mit ca. 950 Schülern mitten in der Weltmetropole Santiago de Chile. Sie wurde vor gut 70 Jahren gegründet.
Bei einem stolzen Alter von 70 Jahren fragt man sich gleich, wie es dazu kommt, dass eine deutsche Schule inmitten einer südamerikanischen Großstadt existiert. Um dies zu beantworten, muss man sich die Geschichte Chiles anschauen:

Chile besitzt, wie alle anderen Länder in Südamerika, eine lange Geschichte der Migration. Aus ganz Europa kamen damals Menschen nach Chile, d.h. auch eine Minderheit aus Deutschland. Heute haben ca. 500.000 Einwohner deutsche Wurzeln und rund 23 Schulen tragen den Namen „deutsche Schule“.
Um speziell mehr über die deutsche Schule St. Thomas Morus zu erfahren, haben wir die Deutschlehrerin und Oberstufenleiterin Carolina Perez zu diesem Thema befragt.

Aber zunächst zu dem allgemeinen Schulsystem in Chile: Anders als in Deutschland geht hier ein Kind in der Regel mit vier Jahren das erste Mal in die Schule. Diese Grundschule, genannt ,,enseñanza básica‘‘, von der die ersten zwei Jahre eine Art Kindergarten und Vorschule sind, besuchen chilenische Schüler insgesamt acht Jahre lang. Nach der ,,enseñanza básica‘‘ besuchen die Schülerinnen und Schüler die vierjährige Sekundarstufe, die ,,enseñanza media‘‘. Die Schüler werden nach den ersten vier Jahren in der Grundschule und in dem ersten Jahr der Sekundarstufe in zwei Gruppen aufgeteilt. Es ist dadurch möglich die Sekundarstufe auf normalem Weg zu absolvieren. Jedoch ist es auch möglich den „IB-Kurs“ zu wählen, der etwas anspruchsvoller ist und der nicht nur, wie der „normale Kurs“, auf das „PSU“, das chilenische Abitur, vorbereitet. Bei Abschluss der Sekundarstufe haben die Schülerinnen und Schüler zudem die Möglichkeit sich zu spezialisieren. So können sie einen Schwerpunkt auf Naturwissenschaften oder Geistes- und Gesellschaftswissenschaften legen.

Eine Besonderheit aus unserer Sicht ist, dass diese Schule keine öffentliche, sondern eine private, ist. Das ist jedoch im Vergleich zu Deutschland keine Besonderheit, im Gegenteil, Privatschulen sind sehr verbreitet. Die öffentlichen Schulen in Chile sind meist in einem nicht guten Zustand und wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf eine Privatschule. Ein duales System, welches aus deutscher Sicht sicher Probleme mit sich bringt.

Aber genug davon, schauen wir uns mal den Namen der Schule genauer an.
„Deutsche Schule St. Thomas Morus“. Thomas Morus ist für viele Menschen ein Begriff: Ein katholischer Heiliger, der für seinen Glauben letztendlich seinen eigenen Tod in Kauf nahm. Die Bewahrung der katholischen Werte, die Morus anstrebte, ist heute immer noch eine Tugend der Schule. Doch Katholizismus bedeutet laut Carolina Perez nicht gleich Intoleranz. Vielmehr sei das katholische an der Schule „bezogen auf christliche Werte wie z.B. Nächstenliebe“ und jeder Mensch, egal von welcher Ethnie und Religion, sei willkommen an der Schule.
Doch was ist mit dem deutschen Einfluss an der Schule?
Dieser ist allgegenwärtig und fängt schon in der sogenannten Spielgruppe an. Dort kommen die Kinder in Form von z.B. deutschen Liedern in Berührung mit unserer Sprache. In den folgenden Schuljahren wird Deutsch dann als ernstes Schulfach behandelt. Die Schule ist sogar komplett deutsch ausgeschildert. Eine Besonderheit, die uns jedoch am meisten aufgefallen ist, sind die Steckbriefe deutscher Wissenschaftler und Philosophen, die an jedem Fachraum hängen.
Natürlich gehört auch ein Austausch nach Deutschland zu dem „Deutschen“ an der Schule. Die meisten Schüler nehmen an diesem Austausch Teil, bei dem die chilenischen Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland und Österreich verteilt werden. Viele Schulen aus dem deutschsprachigen Raum erklären sich bereit bei diesem Projekt mitzuwirken, die Vernetzung erfolgt über die Verbände DAS (Deutsche Auslandsschulen International) und WDA (Weltverband Deutscher Auslandsschulen). Mithilfe dieser Verbände kam es unter anderem zu dem ersten Austausch zwischen Deutschland und Chile, bei dem es diesmal auch einen Gegenbesuch aus Gladenbach stattfindet.
Die Erfahrungen, die in Deutschland gesammelt wurden, seien durchwegs positiv gewesen, Ausnahmen gebe es aber immer wieder. Als Beweis der positiven Erfahrungen führt sie die wachsende Zahl der Schüler an, die in Deutschland nach der Schule studieren wollen.
„Das ist wirklich sehr erfreulich. Ich bin auch froh, dass es diesmal mit Gladenbach funktioniert hat“.

Carolina Perez hat jedoch nicht nur Erfahrungen mit Schulen in Chile gemacht. Sie war mehrere Monate an unserer Schule in Gladenbach als Spanischlehrerin tätig, daher kann sie uns sagen, welche Unterschiede zwischen der ESG und der St. Thomas Morus Schule existieren.
„Den größten Unterschied, den es zwischen Gladenbach und Santiagio gibt, ist wohl das soziale Klima innerhalb der Schule. Wir sehen uns alle als eine Familie, Lehrer sowie Schüler. Es herrscht nicht dieser Zwang zur Schule zu gehen wie in Deutschland, man freut sich eher.“
Dieses Statement können wir definitiv bestätigen. Für uns war es schon fast ein Kultur„schock“ wie herzlich die Schüler miteinander umgingen. Innige Begrüßungen wie eine Umarmung oder ein Kuss auf die Wange zwischen Lehrer und Schüler gehören zum täglichen Schulleben. Es herrscht keine große Distanz zwischen Schüler und Lehrer wie in Deutschland, niemand wird ausgeschlossen, die Schule ist eine große Familie. Vollkommen undenkbar, so etwas in Deutschland zu erleben. Natürlich funktioniert unsere Schule soweit sehr gut, ein solch warmes Klima ist jedoch, wie gesagt, undenkbar. Dass die Schüler und Lehrer es als eine Selbstverständlichkeit ansehen so warm miteinander umzugehen, ist einerseits in der südamerikanischen Kultur verankert, die nach unseren Erfahrungen auch offen und warmherzig ist. Anderseits ist aber auch das chilenische Schulsystem ein Grund dafür, dass solch ein Schulklima überhaupt existieren kann. Die Schüler kennen sich meist von klein auf und werden nicht so früh und rabiat wie im deutschen Schulsystem getrennt.
Insgesamt ist dies aber ein großer Unterschied der Schulsysteme, den man nur schwer bewerten kann.
Abschließend lässt sich sagen, dass wir sehr dankbar dafür sind, dass es uns von unserer Schule ermöglicht wurde, solche Erfahrungen in Hinsicht auf Kultur und Schulsystem zu machen. Wir empfehlen jeder Schülerin und jedem Schüler, der die Möglichkeit hat an diesem Austausch teilzunehmen, diese Chance zu nutzen.
In diesem Sinne bedanken wir uns für ihr Interesse und hoffen, dass ihnen der Bericht gefallen hat.

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